Elektronische Schifffahrtskarten

Erfahrungsberichte : Binnenschifffahrtsunternehmer über Inland Ecdis

Was halten die Binnenschifffahrtsunternehmer von Inland ECDIS? Wir fragten zwei Routiniers: Kris Verschraeghen und Ronald Verbraeken.


Kris Verschraeghen ist Eigner der MS Calcit 5, eines 105 Meter langen Tankers von 2070 Tonnen. Er befördert Kalziumkarbonat für die Papierindustrie.

Kris Verschraeghen der MS Calcit 5 wendet Inland ECDIS schon seit über zehn Jahren an. „Mehr noch: Ich war der erste Schifffahrtsunternehmer überhaupt, der das Radar Overlay der Firma Periskal an Bord hatte“, weiß er zu berichten. „Ich war damals als Testschiffsführer im Einsatz, und das bin ich auch heute noch. Immer, wenn ein Update der Software erscheint, benutze ich es schon einen Monat vor dem Freigabedatum, um sicher zu sein, dass das System stabil ist.’

Overlay

Im Augenblick hat Kris verschiedene Inland-ECDIS-Versionen gleichzeitig an Bord: für Windows XP, Vista und Windows 7, und zwar jeweils den Viewer und das Radar Overlay, denn nur mit der letzteren Variante kann man alle Funktionen des Systems nutzen, erklärt er. „Der Informationsmodus bietet im Grunde eine Papierkarte im Edelformat. Erst wenn man das Radar integriert, erscheint eine Fülle von Informationen auf ein und demselben Monitor. Ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass wir nachts oder bei Nebel auf dem Radar Overlay navigieren.“

Dennoch sind neben den zwei Overlay-Monitoren noch zwei herkömmliche Radarschirme ohne großen „Schnickschnack“ installiert. „Ich persönlich brauche einfach diesen nackten Radarschirm. Auf dem Overlay-Monitor erhält man teilweise so viele Informationen, dass sich die eine Schicht über die andere schiebt. Da hat man schnell mal eine Tonne übersehen, weil die Informationen des AIS zuoberst erscheinen.’

Sicher

Dass Inland ECDIS die Sicherheit erhöht, steht außer Frage, findet Kris. „Vor allem auf Routen, die man nicht so gut kennt, muss man schon ein Radar-Genie sein, um jedes Signal richtig zu deuten. Ist das jetzt eine Tonne oder nicht? Und dieser Strich da, soll das eine Hochspannungsleitung sein? Mit Inland ECDIS werden falsche Echos ausgeschlossen. Nimmt man noch AIS hinzu, dann kann man die vorbeifahrenden Schiffsführer direkt aufrufen oder zusätzliche Informationen über Tonnen und Schleusen anzeigen, auf einfachen Knopfdruck.“

„Ob Inland ECDIS die Binnenschifffahrt auch effizienter macht, davon bin ich noch nicht so überzeugt. Die Mittel hierzu sind zwar vorhanden, aber dafür müssten auch die Dienste an Land mitmachen. In der Binnenschifffahrt können wir noch lange nicht mit der Effizienz von Seeschiffen mithalten. Hierfür müssten die Schleusen und Brücken genau zum richtigen Zeitpunkt geöffnet werden, um keine Zeit zu verlieren.“

„Zuletzt mussten wir noch zu zwanzig Schiffen vor einer offenen Seeschleuse warten. Drei Stunden lang war nicht zu erkennen, dass sich irgendwas tat. Dennoch durften wir nicht durch. Das mag vielleicht einen guten Grund gehabt haben, aber bis es so weit war, steckten da alles in allem etwa 50.000 Tonnen Rohstoff fest.’

 

Ronald Verbraeken ist Eigner der MS Graciosa (100 Meter lang, 2701 Tonnen). Er transportiert zur Zeit weißen Sand aus Mol für die Glasindustrie sowie Dolomit für das französische Ottmarsheim.

Auch Ronald Verbraeken ist schon seit acht Jahren treuer Benutzer des Inland-ECDIS-Systems. „Obwohl ich das System ja eigentlich eher für nützlich als notwendig halte“, räumt er ein. „Nach mehr als 25 Jahren Erfahrung als Binnenschiffer wäre es auch traurig, wenn ich meinen Fahrweg noch nicht fände.’

‘Für mich ist das System vor allem eine Hilfe, um meinem Sohn das Metier beizubringen. Man kann zum Beispiel die Tracklines der vorigen Fahrten abrufen und nachschauen, wie man bisher gefahren ist. Auch Features wie den Geschwindigkeitsmesser oder den Ankeralarm finde ich praktisch.“

„Einige Kollegen äußern sich abfällig über die Tresco-Schipper, die ihrer Meinung nach ohne die viele Elektronik kaum noch fahren können. Das ist völliger Unsinn. Wirklich überflüssig ist Inland ECDIS höchstens, wenn man gerade an einem Kirchturm vorbei fährt. Aber welcher Schiffsführer kann heute nicht bis drei zählen?“

„Sicherer ist Inland ECDIS in jedem Fall. Vor allem für ausländische Schiffsführer, die nicht regelmäßig auf unseren Binnengewässern unterwegs sind, ist es eine Hilfe. Mit Inland ECDIS finden auch sie ohne Probleme eine sichere Route. Ich selbst bin ein großer Verfechter des AIS-Systems, zumal jetzt, wo immer mehr Schiffe eins haben. Es könnte sogar schon bald gefährlich sein, kein AIS zu haben, denn demnächst wird jeder davon ausgehen, dass die anderen Schiffe ihn ja auf der Karte sehen.’

Keine Diskussionen mehr

Auch Ronald hat ein Inland-ECDIS-System mit Radar Overlay. „Wenn es richtig funktioniert, ist es echt der Wahnsinn. Früher konnte man ein Radarecho auf allerhand Arten deuten. Heute erscheint es tatsächlich als Tonne auf dem Monitor. Dennoch tauchen hin und wieder lästige Fehler auf. So weicht das GPS oft ein wenig von der Realität ab, dann sieht man alles doppelt auf dem Monitor. Und wenn man unter einer Brücke durchfährt, kann es sein, dass das GPS-Signal verschwindet.“

„Andererseits finde ich es äußerst praktisch, dass das System die Radarbilder archiviert, so dass man sie anschließend wieder abrufen kann, wenn es beispielsweise zu einer Kollision gekommen ist. Früher wurde dann endlos diskutiert, wer wo genau gefahren ist. Jetzt ist es klipp und klar. Ein Radarbild lügt nicht.’

 

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